Wann hat das Ehrenamt eigentlich angefangen, so leise vor sich hin zu sterben? Vielleicht genau in dem Moment, als die Leute gemerkt haben: „Oh Mist, da muss ja jemand auch arbeiten.“ Ehrenamt ist nicht nur das nette Bild vom Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt oder der lässige Vereinsausflug zum Grillplatz. Ehrenamt bedeutet in Wahrheit: eine Vollzeitstelle ohne Lohn, ohne Bonus, ohne Wertschätzung – aber dafür mit endlosen WhatsApp-Gruppen, unnötigen Diskussionen und der Garantie, dass es trotzdem nie allen passt.
Oder kürzer: die einzige 40-Stunden-Woche, für die du am Ende noch draufzahlst.
Alle wollen Leistung – aber keiner leisten
Es ist eigentlich immer die gleiche Leier:
- Die Spieler wollen Top-Bedingungen.
- Die Eltern wollen perfekte Organisation.
- Die Mitglieder wollen glänzende Social-Media-Auftritte, coole Events, und am besten noch personalisierte Weihnachtsgeschenke.
- Und alle wollen’s bitte sofort, unkompliziert und kostenlos.
Aber wenn’s darum geht, mal selbst mit anzupacken? Totenstille. Dann ist plötzlich Schichtdienst, die Oma hat Geburtstag, die Katze muss zum Tierarzt oder man „bräuchte eigentlich auch mal eine Pause“. Klar, verständlich – nur dumm, dass der Verein davon nicht läuft.
Mein Ehrenamt: American Football im Schleudersitz
Ich selbst bin seit zwei Jahren Abteilungsleiter eines American-Football-Vereins, in dem ich schon ewig gespielt habe. Klingt erstmal nach einem Titel auf dem Papier. Aber die Realität sieht so aus:
- Spielerpässe checken, Lizenzkram erledigen.
- Heimspiele organisieren – inklusive Schiedsrichter, Stadion, Technik, Security, Würstchenstand und 1.000 kleinen Dingen, die garantiert schiefgehen.
- Sponsoren suchen und bei Laune halten.
- Eltern beruhigen, wenn ihr Sprössling mal nicht in der Starting Offense steht.
- Endlose Gespräche mit der Stadtverwaltung führen, die glaubt, ein Footballfeld wachse einfach auf der Wiese hinterm Rathaus.
- Social Media bespielen, weil ja alle Vereine auf Instagram glänzen müssen.
- Und dann noch die allabendliche Diskussion, warum Spieler XY eigentlich viel mehr Spielzeit verdient hätte.
Kurz gesagt: Abteilungsleiter klingt nach Ehrenamt. In echt ist es ein Zweitjob. Nur halt ohne Gehalt.
Die große Lücke zwischen Lobhudelei und Realität
Politik und Gesellschaft lieben es, Ehrenamt in Sonntagsreden zu feiern: „Das Rückgrat der Gesellschaft!“ „Unverzichtbar!“ „Ohne Ehrenamt geht es nicht!“ – Alles tolle Sätze. Nur dass sie halt nicht satt machen.
In der Realität bedeutet das: Weniger Ehrenamtliche, immer mehr Arbeit auf weniger Schultern. Und die, die’s machen, stehen oft kurz vorm Burnout. Kein Witz: Ehrenamt ist heute das Einzige, wo du für Überstunden nicht nur keinen Ausgleich bekommst – sondern dir anhören darfst, dass man’s irgendwie trotzdem besser hätte machen können.
Und währenddessen wundert man sich, dass Vereine keine Trainer mehr finden, keine Funktionäre, keine Leute für Vorstände. Kein Wunder: Netflix fragt nicht nach Helferstunden, und bei Amazon musst du nicht erst drei Sitzungen abhalten, bevor du bestellen darfst.
Warum man’s trotzdem macht
Die Frage bleibt: Warum zur Hölle tut man sich das an? Warum rennt man Woche für Woche ins Stadion, ins Vereinsheim, in Sitzungen – ohne Geld, ohne echten Lohn?
Weil es Herzblut ist. Weil ohne Ehrenamt kein Sportplatz offen wäre, keine Kinder eine Mannschaft hätten, keine Jugendlichen ein Team. Weil’s am Ende nicht um Lob geht, sondern um das Gefühl, dass da draußen jemand steht, der wegen dir den ersten Touchdown, das erste Tor, den ersten Wettkampf erlebt.
Aber machen wir uns nichts vor: Herzblut allein zahlt keine Miete. Und wenn die Gesellschaft weiter so tut, als sei Ehrenamt ein Selbstläufer, dann sind Vereine irgendwann nicht wegen fehlender Mitglieder pleite – sondern weil es niemanden mehr gibt, der sich für sie zerreißt.
Das war’s für heute. Morgen ärgern wir uns wieder gemeinsam. – In diesem Sinne


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