Heute im Supermarkt ist mir was passiert, das mich echt fertig macht. Ich krieg’s einfach nicht aus dem Kopf.
Meine Frau und ich waren beim großen blauen A – ihr wisst schon, der Laden, der irgendwo zwischen Discounter und Supermarkt hängen geblieben ist, aber es jedes Mal zuverlässig schafft, dass man an der Kasse kurz überlegt, ob man für den Wocheneinkauf eigentlich einen Nebenjob braucht. Aber egal, darum geht’s heute gar nicht.
Ich schiebe also diesen metallenen Einkaufspanzer durch die Gänge. Meine Frau packt ein: Tomaten, Gurken, Putenfleisch, der übliche Kram. Sogar ein bisschen Lachs. Und ich versuche währenddessen krampfhaft, nicht an den Kassenbon zu denken. Dass die Preise völlig durch die Decke gegangen sind, wissen wir alle. Dass jede Krise am Ende direkt bei uns im Einkaufswagen landet? Auch kein Geheimnis.
Ach übrigens. Bei Aldi bin ich wenigstens noch kein „unbezahlter Mitarbeiter“ an der Selbstscanner-Kasse. Was ich davon halte, hab ich ja schon mal aufgeschrieben. Selbstscanner-Kassen – mein neues Ehrenamt im Supermarkt
Aber ich schweife schon wieder ab.
Ich stehe also am Kühlregal, Magerquark in der Hand, als mir plötzlich jemand auf die Schulter tippt.
Ich drehe mich um und schaue in das Gesicht eines älteren Mannes. Man hat ihm sofort angesehen, dass das Leben nicht immer zimperlich mit ihm war. Er hielt ein Prospekt in der Hand, die Stimme ein bisschen brüchig:
„Junger Mann, darf ich Sie kurz was fragen?“
Er zeigt mir im Prospekt zwei Angebote. Kaffeefilter. Und ein paar Seiten weiter diesen abgepackten Schnittkäse. Dann fängt er an zu erzählen. Dass er Rentner ist. Dass er Flaschen sammelt, um irgendwie über die Runden zu kommen. Man hat richtig gemerkt, wie unangenehm ihm das Ganze war. Er hat fast ein bisschen rumgestottert, bevor er zum Punkt kam:
Ob ich ihm 2,50 € geben könnte? Er könne sich das gerade einfach nicht leisten.
Ich hab in seinen Wagen geschaut. Da lag fast nichts drin. Eine Packung Brot. Das war’s.
Ganz ehrlich? Ich war komplett überfordert. Ich hab mein Portemonnaie rausgeholt, aber wie das heute so ist: Ich hab so gut wie nie Bargeld dabei. Ich musste ihm sagen, dass es mir wahnsinnig leidtut, ich ihm aber gerade nichts geben kann. Er hat sich trotzdem bedankt. Mehrmals. Und mir noch einen schönen Tag gewünscht.
Trotzdem hat mich das Ganze nicht losgelassen. Meine Frau fragte, was los war, ich hab’s ihr erzählt. Sie sagt nur: „Ich hab noch 20 Euro in der Tasche.“
Ich hab mir den Schein geschnappt, bin zurück in den Laden und hab den Mann gesucht. Als ich ihm die 20 Euro in die Hand gedrückt habe, war er den Tränen nahe. Er hat sich bestimmt zehnmal bedankt.
Ich erzähl das hier nicht, um als der große Samariter dazustehen. Überhaupt nicht. Mir geht es um was ganz anderes.
Altersarmut. Ein Wort, das wir in Deutschland viel zu oft ignorieren.
Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Wir finden Milliarden für alles Mögliche und klopfen uns für unsere „soziale Gerechtigkeit“ ständig selbst auf die Schulter. Aber gleichzeitig stehen Rentner im Supermarkt und müssen Fremde nach 2,50 € für Kaffeefilter fragen. Menschen, die 40 oder 45 Jahre lang gearbeitet und eingezahlt haben. Die dieses Land buchstäblich aufgebaut haben. Man hat ihnen immer gesagt: „Arbeite hart, zahl ein, dann bist du im Alter sicher.“
Ein schlechter Witz ist das.
Wenn ein alter Mann Flaschen sammeln muss und sich schämt, nach ein paar Euro für Käse zu fragen, dann ist in diesem System etwas massiv kaputt. Da helfen auch keine Ausreden von wegen „Grundsicherung“. Wenn die Leute trotzdem am Mülleimer stehen oder im Supermarkt wildfremde Menschen ansprechen müssen, dann funktioniert diese Absicherung eben nicht.
Es geht um die Würde. Stell dir mal vor, du hast dein Leben lang geschuftet und musst am Ende im Discounter jemanden anpumpen. Das ist kein Einzelschicksal mehr. Das sieht man an jedem Bahnhof, in jeder Fußgängerzone.
Aber hey, wir diskutieren lieber darüber, ob das Rentensystem vielleicht irgendwann mal zum Problem wird. Spoiler: Das Problem ist schon längst da. Es steht mit Tränen in den Augen vor dem Kühlregal.
Solange wir uns über Nebensächlichkeiten aufregen, statt dieses kaputte System anzugehen, wird sich nichts ändern. Der Mann wird morgen wieder Flaschen sammeln. Und Deutschland wird sich weiter einreden, dass doch alles gar nicht so schlimm ist.
Das war’s für heute. Morgen ärgern wir uns wieder gemeinsam.
In diesem Sinne.


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